Was bedeutet eigentlich „Selbstorganisation“ – und warum wird sie in vielen Unternehmen so falsch verstanden?
In der aktuellen Folge meines Podcasts „Agile Transformation Toolbox“ hatte ich Bernhard Eickenberg zu Gast, der sich genau diesem Thema verschrieben hat. Bernhard ist Naturwissenschaftler mit agilem Herzen, Design Thinker, Startup-Macher und Management Consultant. Und er hat ein großartiges Buch geschrieben: „Die 5 Säulen der Selbstorganisation“. Gemeinsam haben wir über ein Thema gesprochen, das in vielen agilen Transformationen massiv unterschätzt wird: Die systemischen Voraussetzungen für echte Selbstorganisation.
Selbstorganisation ist kein Mindset-Workshop
Eines der größten Missverständnisse rund um agile Transformationen ist der Glaube, Selbstorganisation sei in erster Linie eine Frage des Mindsets. „Man muss die Leute halt coachen“ – höre ich immer wieder. Das mag helfen – aber wenn das System es nicht hergibt, kannst du noch so viel am Mindset arbeiten, es wird nichts bringen.
Wie Bernhard es so treffend formuliert hat: Selbstorganisation ist kein Weg der Personalentwicklung, sondern der Systementwicklung.
Die fünf Säulen der Selbstorganisation
In seinem Buch beschreibt Bernhard fünf tragende Säulen, die echte Selbstorganisation ermöglichen:
Selbstbestimmung – die Freiheit, Entscheidungen zu treffen.
Alignment – das gemeinsame Verständnis von Zielen und Richtung.
Transparenz – objektives Feedback zur Wirkung der eigenen Arbeit.
Motivation – der innere Antrieb, sich einzubringen.
Kompetenz – die Fähigkeit, mit Selbstorganisation umgehen zu können.
Diese fünf Säulen stehen auf einem gemeinsamen Fundament: Psychologische Sicherheit. Wenn ich nicht sicher bin, dass ich Fehler machen darf, dass meine Meinung zählt oder dass ich mich zeigen kann, wie ich bin – dann werde ich auch keine Verantwortung übernehmen.
Der Goldfisch im Ozean
In vielen Unternehmen passiert genau das Gegenteil: Man predigt Selbstorganisation, gibt aber weder Werkzeuge noch den passenden Rahmen dafür. Oder schlimmer: Man nimmt plötzlich alle Grenzen weg und wirft die Menschen in den „agilen Ozean“. Wer sein ganzes Berufsleben im Goldfischglas verbracht hat, wird darin untergehen.
Was es stattdessen braucht, ist ein schrittweiser Weg. Größeres Aquarium statt Ozean. Mehr Vertrauen, mehr Klarheit, mehr Unterstützung – nicht weniger.
Ohne Analyse keine Transformation
In meiner Ausbildung zum Agile Transformation Manager ist deshalb der erste und wichtigste Schritt die gründliche Analyse der Ausgangssituation. Welche Probleme wollen wir wirklich lösen? Wo stehen wir heute? Welche Kompetenzen sind bereits da – bei Teams, Führungskräften, in der Kultur? Erst wenn wir das wissen, können wir ein passendes Rezept entwickeln.
Und dieses Rezept darf gerne iterativ sein – so wie in meiner The Fridge Method®. Analyse. Rezept. Umsetzung. Lernen. Anpassen. Wiederholen.
Fazit
Selbstorganisation ist kein Selbstzweck. Es geht darum, Systeme so zu gestalten, dass Menschen Verantwortung übernehmen können – und wollen. Und das funktioniert nicht mit ein bisschen Coaching oder einem Safe-Framework. Es funktioniert mit einem klaren Verständnis von Systemgrenzen, psychologischer Sicherheit und dem Mut, echte Veränderungen zu ermöglichen.
Danke, Bernhard, für das tolle Gespräch! Wer mehr erfahren will: Sein Buch „Die 5 Säulen der Selbstorganisation“ ist absolut empfehlenswert