Knapp 350 Folgen. Eigentlich müsste es Folge 349 sein, wenn ich die beiden Trailer-Folgen nicht mitzähle. Und als ich neulich nochmal in die Statistik geschaut habe, war ich selbst überrascht: Den Podcast gibt es seit fast achteinhalb Jahren. Im September werden es neun. Ich weiß nicht genau, warum mich das so überrascht hat – aber es hat mich dazu gebracht, mal ehrlich zurückzublicken.
Was hat sich in dieser Zeit wirklich verändert? Was in der Agilität, was bei mir, was in den Organisationen da draußen? Ich habe alle Episoden in NotebookLM geladen und das Ding mal gefragt. Die Antwort war ehrlicher, als ich erwartet hatte.
Passionate Teams, Scrum Master Journey, Agile Unfiltered – und alles dazwischen
Der Titel dieses Podcasts hat sich mehrfach geändert. Passionate Teams. Passionate Agile Teams. Passionate Scrum Master. Scrum Master Journey. Agile Transformation Toolbox. Jetzt Agile Unfiltered. Mal sehen, wie lange dieser hier hält.
Was sich auch verändert hat: ich. Zumindest hoffentlich. Als ich 2005 mit Scrum angefangen habe, war ich ein echter Hardcore-Dogmatiker. Alles musste exakt nach Scrum Guide laufen. Abweichungen waren Scrum-But. Mehr Tools, mehr Prozess, mehr Methode. Ich habe in dieser Zeit unendlich viele Scrum-Trainings gemacht – oft als externer Trainer, zwei Tage rein, zwei Tage raus, danach nie wieder gesehen. Ich will gar nicht wissen, wie viele Ruinen ich dabei mitverantwortet habe. Nicht absichtlich. Aber trotzdem.
Ich war Teil des Problems. Das sage ich heute ohne Umschweife.
Erkenntnis 1: Agilität löst keine Probleme – sie macht sie sichtbar
Das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis aus über 20 Jahren. Agilität ist wie ein Diagnosetool am Auto. Du steckst es an den Port, liest die Fehlercodes aus – und weißt, was das Problem ist. Aber reparieren musst du es trotzdem selbst.
Scrum, SAFe, egal welches Framework: Sie schaffen im besten Fall Transparenz. Sie machen sichtbar, was nicht funktioniert. Und dann? Dann muss irgendjemand den Mut haben, es wirklich anzugehen.
Ich hatte neulich wieder genau dieses Gespräch. Alles war klar. Das Problem lag offen auf dem Tisch. Und die Führungskraft sagte: "Ja, das ist halt so. Das kriegen wir nicht geändert, damit müssen wir leben." Dann frage ich mich ernsthaft, warum wir überhaupt agil arbeiten. Ohne den Willen zur Veränderung ist jede agile Einführung kompletter Selbstbetrug.
Erkenntnis 2: Kontext ist King
Du stehst auf einem Konzert, deine Lieblingsband spielt, ein unglaubliches Saxophon-Solo. Du denkst: Das will ich auch. Am nächsten Tag kaufst du das beste, teuerste Saxophon, das du findest. Gehst nach Hause. Bläst rein. Und stellst fest: Das Saxophon muss kaputt sein.
Ist es nicht. Du bist es, der noch üben muss.
Genauso ist es mit Frameworks. Du schaust dir an, wie ein erfolgreiches Unternehmen arbeitet. Kopierst es. Und wunderst dich, warum es bei dir nicht funktioniert. Weil das Framework nie der entscheidende Faktor war. Was den Unterschied macht: welche Strukturen existieren, welches Verhalten belohnt wird, welches Mindset die Mitarbeiter mitbringen, wie Führung wirklich gelebt wird.
Das Spotify-Modell ist das beste Beispiel. Spotify selbst arbeitet schon lange nicht mehr so. Es war damals nur ein Schnappschuss – kein Rezept. Wer es trotzdem 1:1 kopiert hat, hat genau das bekommen, was er verdient: ein Modell ohne Kontext.
Genau daher kommt meine FRIDGE Method®. Erst in den Kühlschrank schauen. Was ist da? Was ist frisch, was ist haltbar, was muss weg? Und dann überlegen, welches Rezept mit diesen Zutaten überhaupt möglich ist. Ich kann keine Spaghetti Bolognese kochen, wenn kein Hackfleisch da ist.
Erkenntnis 3: Wer liefert, hat Recht
Ich bin komplett methoden-agnostisch. Das war ich nicht immer. Aber heute hänge ich an keinem Framework mehr. Es geht darum, was funktioniert. Was echten Outcome erzeugt – nicht nur Output. Was Kunden einen Mehrwert liefert.
Agilität ist kein Sozialprogramm. Das sage ich bewusst provokant, weil ich in den letzten Jahren beobachtet habe, wie dieser Aspekt manchmal auf die Spitze getrieben wurde. Der Faktor Mensch ist wichtig – absolut. Gute Arbeitsumgebungen, echte Einbindung, psychologische Sicherheit. Das alles stimmt und ist essenziell.
Aber wenn man sich nicht mehr traut, ehrliches Feedback zu geben, weil alles zu kuschelig geworden ist – dann hat man Agilität falsch verstanden. Psychologische Sicherheit bedeutet nicht, dass alle immer einer Meinung sein müssen. Es bedeutet, dass jeder seine Meinung sagen darf, ohne Angst vor Fingerpointing oder Blaming haben zu müssen. Das ist ein großer Unterschied.
Am Ende zählt das Ergebnis. Was können wir verkaufen? Was braucht der Markt? Das ist keine kaltherzige Aussage – das ist die Realität, in der wir arbeiten.
Was sich nicht verändert hat – leider
Ich habe in den letzten Jahren immer wieder dieselben Muster gesehen:
- Product Owner ohne echte Entscheidungsgewalt – in 80 % aller Unternehmen, die sich agil nennen
- Retrospektiven, in denen jedes Mal dieselben Themen auftauchen und sich trotzdem nichts ändert
- Agile Transformationen als reines Rebranding der IT-Abteilung – die Begriffe ändern sich, die Hierarchie bleibt
- Coaching-Aufträge, die beendet werden, bevor echte Veränderung einsetzt – Pflaster statt Operation
- Selbstorganisation als Lippenbekenntnis – Hierarchie verkleidet sich, verschwindet aber nicht
Das macht uns langsam. Zu langsam für die Krise, die gerade auf uns zukommt.
Was sich verbessert hat
Es wäre unehrlich, nur das Negative zu sehen. Ein paar Dinge haben sich tatsächlich verändert:
- Die Sprache hat sich entwickelt. Selbstorganisation, Selbstmanagement – diese Begriffe kennt heute fast jeder.
- KI zwingt Unternehmen zu Experimentierfreude – auch wenn viele noch nicht wirklich bereit dafür sind.
- Es gibt eine Generation reifer Coaches, die weniger dogmatisch und mehr pragmatisch denken.
- Psychologische Sicherheit ist kein Buzzword mehr – sondern wird zunehmend als Grundlage für Innovation verstanden.
- Und es gibt Unternehmen, die es wirklich machen. Die täglich liefern. Die nicht über Scrum reden, sondern schon längst darüber hinaus sind.
Was ich mir für die nächsten Jahre wünsche
Wir haben in Deutschland noch extrem viel Potenzial. Kluge Köpfe, gute Ingenieure, starke Ideen. Was fehlt, sind Systeme, in denen diese Ideen auch wirklich nach oben kommen. Systeme, in denen Fehler erlaubt sind. In denen Experimente möglich sind. In denen nicht alles zuerst durch fünf Lenkungsausschüsse muss.
Die kommende Krise ist keine Bedrohung, die wir aussitzen können. Sie ist eine Aufforderung, endlich die Ärmel hochzukrempeln. Dinge auszuprobieren, die vielleicht schiefgehen. Aus diesen Fehlern zu lernen. Und weiterzumachen.
Das ist Agilität. Nicht das Framework. Nicht die Zeremonie. Nicht der Prozess.
Die Haltung.
Was hat sich bei dir verändert, wenn du schon länger agil unterwegs bist? Schreib es mir gerne in die Kommentare, auf LinkedIn oder per Mail.
Mehr Infos zur Agile Transformation Manager Ausbildung gibt es hier.
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