Retrospektiven gelten als eines der mächtigsten Werkzeuge in der agilen Toolbox. Und trotzdem werden sie am häufigsten unterschätzt, selten richtig genutzt – und noch seltener richtig nachverfolgt. Kann KI das ändern? Ich war letzte Woche auf der Agile Stuttgart und habe dort eine Session genau zu diesem Thema gehalten. Die Diskussion war heiß. Und meine Antwort ist: Ja – wenn man es richtig macht.
Das eigentliche Problem in klassischen Retros
Kennst du das? Ihr sitzt in der Retro, diskutiert dieselben Punkte wie letzten Sprint, und am Ende verschwindet die Liste der Maßnahmen im Backlog – nie wieder gesehen. 90 Minuten labern, null Veränderung. Das führt zu Retro-Müdigkeit, Dienst nach Vorschrift und dem Gefühl, dass diese Meetings irgendwie sinnlos sind.
Die Hauptprobleme in der Praxis:
- Immer dieselben Themen, nie wirklich gelöst
- Maßnahmen verschwinden im Backlog, keiner arbeitet dran
- Kein Transfer in den Alltag
- Teams erleben Retros als Pflichtübung, nicht als Investition
- Keine Überprüfung, ob das letzte Mal irgendetwas umgesetzt wurde
Wo KI konkret helfen kann
Aus meiner Sicht gibt es drei plus ein Einsatzfelder für KI in Retrospektiven:
1. Vor der Retro
KI kann Ticket-Daten, Velocity und Kommunikationsmuster analysieren und dir Schwerpunkte für die nächste Retro vorschlagen. Wer bereits Jira an eine KI angebunden hat, weiß: Das spart enorm viel Vorbereitungszeit.
2. In der Retro
Live-Beiträge zusammenfassen, Cluster vorschlagen (z. B. in Miro: mehrere Stickies selektieren, Cluster benennen lassen), Muster sichtbar machen. Wichtig: Kommuniziere offen, dass du KI einsetzt. Nicht jeder möchte das – ethisch ein wichtiger Punkt.
3. Nach der Retro
KI kann vage Maßnahmen in konkrete Tasks verwandeln, priorisieren und sogar Follow-up-Erinnerungen verschicken. Aus „Kommunikation verbessern“ wird eine echte, umsetzbare Aufgabe mit Verantwortlichem und Zeitrahmen.
3+1: Über die Zeit
Das ist der echte Hebel: Wirf KI die Maßnahmen aus deinen letzten 20 Retros vor die Füße und frag, welche Muster sie erkennt. Was wurde umgesetzt? Was taucht immer wieder auf, ohne gelöst zu werden? Da ist KI schlicht unschlagbar.
Vier Prompts zum direkten Einsetzen
Prompt 1: Retro-Auswertung
Hier sind die Ergebnisse unserer letzten Retrospektive: [Liste einfuegen]. Welche Muster erkennst du? Was wiederholt sich? Welches Thema hat den groessten Hebel fuer das Team? |
In 30 Sekunden bekommst du eine Cluster-Analyse, für die du sonst 20–60 Minuten grübeln würdest.
Prompt 2: Maßnahmen schärfen
Formuliere aus diesen drei Retro-Punkten konkrete, umsetzbare Massnahmen mit Verantwortlichem und Zeitrahmen: [Punkte einfuegen] |
Egal ob du schon erste Ideen aus der Gather-Data-Phase hast oder direkt aus Rohdaten arbeitest – KI macht aus vagen Ansätzen echte Aufgaben.
Prompt 3: Retro vorbereiten
Wir sind ein Software-Team, Sprint 24, die Velocity ist gesunken, zwei Bugs sind in Produktion. Welche Retro-Fragen waeren jetzt besonders relevant? Schlage 5 vor. |
Kein Grüne-Wiese-Prinzip mehr. Statt bei Null anzufangen, bekommst du kontextbezogene Fragen, die wirklich auf deine aktuelle Situation eingehen.
Prompt 4: Langzeitvergleich
Hier sind die Massnahmen aus unseren letzten vier Retros: [Liste einfuegen]. Was haben wir wirklich umgesetzt? Was taucht immer wieder auf, ohne geloest zu werden? |
Der Moment, der Teams wachrüttelt. Plötzlich ist schwarz auf weiß sichtbar, was sich nie ändert.
Die Grenzen – und warum sie wichtig sind
KI ist kein Allheilmittel. Vier Fallen, die ich immer wieder beobachte:
- KI als Alibi: Retros noch schneller abhaken, noch weniger echtes Gespräch. Der schönste Output nützt nichts, wenn das Team nicht wirklich mitdenkt.
- Psychological Safety: Eine KI kann kein Vertrauen erzeugen. Sie kann höchstens sichtbar machen, dass es fehlt – beheben kann sie es nicht.
- Illusion der Objektivität: Garbage in, garbage out. KI fasst zusammen, was du ihr gibst. Fehlt der Kontext, fehlt die Qualität.
- Tool-Abhängigkeit: Ziel ist, dass das Team selbst besser wird – nicht abhängiger von einzelnen Werkzeugen.
Kernthese: Das Problem liegt im System, nicht im Tool. KI ist ein Verstärker – sie verstärkt Stärken und Schwächen gleichermaßen.
Weitergedacht: Was ist jetzt neu möglich?
Das Hauptproblem bei neuen Technologien: Wir bleiben nah an dem, was wir bisher gemacht haben. Als die Dampfmaschine durch Elektromotoren ersetzt wurde, hat man zunächst einfach die Dampfmaschine eins zu eins ersetzt. Erst später hat man gemerkt: Jetzt könnte ich kleine Motoren direkt an jede Maschine hängen. Das ändert alles.
Mit KI und Retros ist es ähnlich. Was wäre, wenn du nicht mehr manuell Daten sammelst, sondern sämtliche Meeting-Transkripte aus MS Teams in eine KI fütterst – und sie dir sagt, welche Muster sie über Wochen hinweg erkennt? Wo es klemmt, was immer wieder diskutiert wird, ohne gelöst zu werden?
Das ist kein Science-Fiction. Das ist heute schon möglich. Die Frage ist nur: Traust du dich, es zu denken?
Mein Sofort-Tipp für dich
Nach unserer letzten Retro haben wir folgende Punkte gesammelt: [Liste einfuegen]. Formuliere daraus die drei wichtigsten Massnahmen, priorisiert nach Wirkung, mit je einer konkreten ersten Aktion, einem Verantwortlichen (Rolle reicht) und einem Zeitrahmen. |
Copy – Paste – Liste einfügen – absenden. Und dann schreib mir, was rausgekommen ist.
Kostenloses KI-Guide für Retros: retrospektiveninderpraxis.de – kein E-Mail-Opt-in, einfach direkt herunterladen.
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