Februar 2026. Das Agile Manifest wird 25 Jahre alt. Ein Viertel Jahrhundert.
Wer heute noch glaubt, das Agile Manifest sei ein neuer heißer Scheiß, mag enttäuscht sein. Scrum wurde letztes Jahr sogar 30. Wir reden hier nicht über neue Dinge. Und trotzdem: Ich öffne das Dokument regelmäßig. In meinen Trainings, bei Kunden, in Retrospektiven. Denn nach 25 Jahren ist es erschreckend aktuell.
Kurze Geschichte: Snowbird, Utah, Februar 2001
17 Softwareentwickler treffen sich im Skigebiet Snowbird in Utah. Ein bisschen Skifahren, eine gute Zeit miteinander – und dann gemeinsam in einem Konferenzraum das Agile Manifest formulieren. Mit dabei: Kent Beck, Ward Cunningham, Martin Fowler, Ken Schwaber, Jeff Sutherland, Robert C. Martin (Uncle Bob) und andere.
Die 4 Wertepaare: Was gilt noch?
1. Individuen und Interaktionen mehr als Prozesse und Werkzeuge
Aus meiner Sicht einer der am meisten ignorierten und missverstandenen Sätze des gesamten Manifests. Warum? Weil Prozesse und Tools einfach sind. Ich kann Prozesse definieren, Jira kaufen, Confluence einrichten. Menschen sind kompliziert – besser gesagt: komplex. Die kann ich nicht über einen Kamm scheren.
Aber: Das Manifest sagt nicht, Prozesse seien böse. Es sagt, der Schwerpunkt sollte links liegen, nicht rechts. Und da steckt mehr drin, als es zunächst scheint. Interaktionen bedeuten auch: Wie schaffe ich Entscheidungswege, die schnell Ergebnisse liefern? Wie vereinfache ich Kommunikation zwischen Teams? Das ist eine systemische Komponente.
Du kannst die besten Leute haben. Wenn das System schlecht ist, kommt trotzdem wenig dabei raus. Mehr dazu in meiner letzten Folge zum STAR Modell.
2. Funktionierende Software mehr als umfassende Dokumentation
Simpel. Wenn die Software im Auto dauernd abstürzt, ist die beste Bedienungsanleitung nutzlos. Und wenn die Software läuft, vergisst jeder die fehlenden Docs. Das ist keine Einladung, nichts mehr zu dokumentieren. Gerade im KI-Zeitalter, wo KI massenhaft Code generiert, wird gute Doku sogar wichtiger.
3. Zusammenarbeit mit dem Kunden mehr als Vertragsverhandlungen
Klar. Pflichtenheft über den Zaun schmeißen und hoffen, dass alles gut wird? Funktioniert nicht. Frühes Feedback, regelmäßiger Kontakt, nachjustieren. Trotzdem braucht es Verträge. Ohne Vertrag kein Geld. Aber die Zusammenarbeit gewinnt.
4. Reagieren auf Veränderungen mehr als Befolgen eines Plans
Agil heißt nicht planlos. Planen bleibt wichtig. Aber der Plan wird regelmäßig überdacht. I plan to replan. Iterationen sind kein Zufall, sie sind die strukturierte Antwort auf eine Welt, die sich ändert. Und die ändert sich gerade schneller als je zuvor.
Beispiel KI-Strategie: Wer heute ein Jahresprojekt aufsetzt und davon ausgeht, dass sich die KI-Landschaft bis Ende 2026 nicht verändert, hat ein Problem. Das Rad dreht sich so schnell, dass Reaktionsfähigkeit zum Überleben wird.
Die 12 Prinzipien: Was läuft oft unter dem Radar?
Viele kennen die vier Wertepaare. Die zwölf Prinzipien dahinter werden regelmäßig übersehen. Ein paar, die mir besonders wichtig sind:
Wertvoll liefern, nicht nur früh liefern
Das erste Prinzip spricht von früher und kontinuierlicher Auslieferung wertvoller Software. Das Schlüsselwort ist wertvoll. Nicht früh, nicht kontinuierlich. Eine tolle UI ohne Durchstich durch alle Layer hat keinen echten Mehrwert.
Nachhaltige Entwicklung statt Sprint-Kultur
Agilität fördert nachhaltige Entwicklung – ein Tempo, das dauerhaft gehalten werden kann. Das Wort Sprint in Scrum täuscht: Es geht nicht darum, wie Verrückte zu sprinten. Und gerade jetzt, wo KI uns Arbeit abnimmt, sollte man die gewonnene Zeit nicht sofort mit noch mehr Arbeit füllen.
Technische Exzellenz und Einfachheit
Agil war nie Quick and Dirty. Hohe Testabdeckung, Code Reviews, sorgfältiges Design. Das zahlt sich langfristig immer aus. Und gleichzeitig mein Lieblingsprinzip: Einfachheit. Die Kunst, die Menge nicht getaner Arbeit zu maximieren.
Gerade mit KI sehe ich hier eine neue Gefahr: Weil alles so schnell gebaut werden kann, wird noch mehr reingepackt. Am Ende nutzt der Kunde wieder nur 10 %. Lieber früher an den Markt mit weniger, als zu viel reinzuballern.
Effektivität, nicht Effizienz
Das letzte Prinzip spricht von regelmäßiger Reflexion, effektiver zu werden. Nicht effizienter. Ich kann sehr effizient kompletten Müll produzieren. Effektivität bedeutet: das Richtige tun. Das, was der Kunde braucht.
Mein Fazit nach 25 Jahren
Das Manifest ist so generalistisch formuliert, dass es immer noch trägt. Es beschreibt kein Wie, sondern ein Was. Das Wie liegt in deinen Händen, mit deinen heutigen Tools, in deiner heutigen Situation.
Mein Tipp: Nicht das ganze Manifest als Ganzes betrachten. Such dir ein Thema raus. Nur eines. Und frag: Wie gut machen wir das gerade wirklich?
Wie binden wir Kunden ein? Wie kurz sind unsere Feedbackloops? Wie schlank ist unser Backlog wirklich? Was ist bei uns mit regelmäßiger Reflexion?
Und dann: Was heißt das heute, in 2026, mit KI, mit Remote-Teams, mit der Geschwindigkeit, die wir gerade erleben?
Das Manifest ist nicht heilig. Aber es ist immer noch ein verdammt guter Kompass.



