Ist das agile Manifest noch zeitgemäß?

0 Comments

Minuten Lesezeit

März 17, 2026

gray concrete building during daytime

Bist Du es leid, dass Deine Agile Transformation auf der Stelle tritt? 

Hole Dir hier das Whitepaper:
Fünf Erfolgsfaktoren für agile Transformationen.


Februar 2026. Das Agile Manifest wird 25 Jahre alt. Ein Viertel Jahrhundert. 

Wer heute noch glaubt, das Agile Manifest sei ein neuer heißer Scheiß, mag enttäuscht sein. Scrum wurde letztes Jahr sogar 30. Wir reden hier nicht über neue Dinge. Und trotzdem: Ich öffne das Dokument regelmäßig. In meinen Trainings, bei Kunden, in Retrospektiven. Denn nach 25 Jahren ist es erschreckend aktuell.

Kurze Geschichte: Snowbird, Utah, Februar 2001

17 Softwareentwickler treffen sich im Skigebiet Snowbird in Utah. Ein bisschen Skifahren, eine gute Zeit miteinander – und dann gemeinsam in einem Konferenzraum das Agile Manifest formulieren. Mit dabei: Kent Beck, Ward Cunningham, Martin Fowler, Ken Schwaber, Jeff Sutherland, Robert C. Martin (Uncle Bob) und andere.

Die 4 Wertepaare: Was gilt noch?

1. Individuen und Interaktionen mehr als Prozesse und Werkzeuge

Aus meiner Sicht einer der am meisten ignorierten und missverstandenen Sätze des gesamten Manifests. Warum? Weil Prozesse und Tools einfach sind. Ich kann Prozesse definieren, Jira kaufen, Confluence einrichten. Menschen sind kompliziert – besser gesagt: komplex. Die kann ich nicht über einen Kamm scheren.

Aber: Das Manifest sagt nicht, Prozesse seien böse. Es sagt, der Schwerpunkt sollte links liegen, nicht rechts. Und da steckt mehr drin, als es zunächst scheint. Interaktionen bedeuten auch: Wie schaffe ich Entscheidungswege, die schnell Ergebnisse liefern? Wie vereinfache ich Kommunikation zwischen Teams? Das ist eine systemische Komponente.

Du kannst die besten Leute haben. Wenn das System schlecht ist, kommt trotzdem wenig dabei raus. Mehr dazu in meiner letzten Folge zum STAR Modell.

2. Funktionierende Software mehr als umfassende Dokumentation

Simpel. Wenn die Software im Auto dauernd abstürzt, ist die beste Bedienungsanleitung nutzlos. Und wenn die Software läuft, vergisst jeder die fehlenden Docs. Das ist keine Einladung, nichts mehr zu dokumentieren. Gerade im KI-Zeitalter, wo KI massenhaft Code generiert, wird gute Doku sogar wichtiger.

3. Zusammenarbeit mit dem Kunden mehr als Vertragsverhandlungen

Klar. Pflichtenheft über den Zaun schmeißen und hoffen, dass alles gut wird? Funktioniert nicht. Frühes Feedback, regelmäßiger Kontakt, nachjustieren. Trotzdem braucht es Verträge. Ohne Vertrag kein Geld. Aber die Zusammenarbeit gewinnt.

4. Reagieren auf Veränderungen mehr als Befolgen eines Plans

Agil heißt nicht planlos. Planen bleibt wichtig. Aber der Plan wird regelmäßig überdacht. I plan to replan. Iterationen sind kein Zufall, sie sind die strukturierte Antwort auf eine Welt, die sich ändert. Und die ändert sich gerade schneller als je zuvor.

Beispiel KI-Strategie: Wer heute ein Jahresprojekt aufsetzt und davon ausgeht, dass sich die KI-Landschaft bis Ende 2026 nicht verändert, hat ein Problem. Das Rad dreht sich so schnell, dass Reaktionsfähigkeit zum Überleben wird.

Die 12 Prinzipien: Was läuft oft unter dem Radar?

Viele kennen die vier Wertepaare. Die zwölf Prinzipien dahinter werden regelmäßig übersehen. Ein paar, die mir besonders wichtig sind:

Wertvoll liefern, nicht nur früh liefern

Das erste Prinzip spricht von früher und kontinuierlicher Auslieferung wertvoller Software. Das Schlüsselwort ist wertvoll. Nicht früh, nicht kontinuierlich. Eine tolle UI ohne Durchstich durch alle Layer hat keinen echten Mehrwert.

Nachhaltige Entwicklung statt Sprint-Kultur

Agilität fördert nachhaltige Entwicklung – ein Tempo, das dauerhaft gehalten werden kann. Das Wort Sprint in Scrum täuscht: Es geht nicht darum, wie Verrückte zu sprinten. Und gerade jetzt, wo KI uns Arbeit abnimmt, sollte man die gewonnene Zeit nicht sofort mit noch mehr Arbeit füllen.

Technische Exzellenz und Einfachheit

Agil war nie Quick and Dirty. Hohe Testabdeckung, Code Reviews, sorgfältiges Design. Das zahlt sich langfristig immer aus. Und gleichzeitig mein Lieblingsprinzip: Einfachheit. Die Kunst, die Menge nicht getaner Arbeit zu maximieren.

Gerade mit KI sehe ich hier eine neue Gefahr: Weil alles so schnell gebaut werden kann, wird noch mehr reingepackt. Am Ende nutzt der Kunde wieder nur 10 %. Lieber früher an den Markt mit weniger, als zu viel reinzuballern.

Effektivität, nicht Effizienz

Das letzte Prinzip spricht von regelmäßiger Reflexion, effektiver zu werden. Nicht effizienter. Ich kann sehr effizient kompletten Müll produzieren. Effektivität bedeutet: das Richtige tun. Das, was der Kunde braucht.

Mein Fazit nach 25 Jahren

Das Manifest ist so generalistisch formuliert, dass es immer noch trägt. Es beschreibt kein Wie, sondern ein Was. Das Wie liegt in deinen Händen, mit deinen heutigen Tools, in deiner heutigen Situation.

Mein Tipp: Nicht das ganze Manifest als Ganzes betrachten. Such dir ein Thema raus. Nur eines. Und frag: Wie gut machen wir das gerade wirklich?

Wie binden wir Kunden ein? Wie kurz sind unsere Feedbackloops? Wie schlank ist unser Backlog wirklich? Was ist bei uns mit regelmäßiger Reflexion?

Und dann: Was heißt das heute, in 2026, mit KI, mit Remote-Teams, mit der Geschwindigkeit, die wir gerade erleben?

Das Manifest ist nicht heilig. Aber es ist immer noch ein verdammt guter Kompass.

About the author 

Marc Löffler

Marc Löffler ist Keynote-Speaker, Autor und Mentor für passionierte Scrum Master. Er befasst sich schon seit 2005 leidenschaftlich mit agilen Methoden, wie z.B. Scrum, Kanban oder eXtreme Programming. Bevor er mit dem Thema Agilität in Berührung gekommen war, hat er als zertifizierter Projektmanager (IPMA) bei Firmen wie Volkswagen, Siemens und EADS erfolgreich multinationale Projekte geleitet. Mit Begeisterung hilft er Unternehmen dabei, agile Werte zu verstehen und genau die Form von Agilität zu finden, die zum jeweiligen Unternehmen passt. Dabei nutzt er sein PASSION Modell, um die jeweilige Situation zu analysieren und sinnvolle nächste Schritte hin zur passionierten, agilen Organisation zu definieren. Er liebt es, neue Einsichten zu generieren, und unterstützt Unternehmen dabei, Probleme aus kreativen, neuen Blickwinkeln zu betrachten. Seit September 2018 ist er zertifizierter Professional Speaker GSA (SHB) mit der besten Keynote seines Jahrgangs. Im Jahr 2014 erschien sein Buch „Retrospektiven in der Praxis“ beim dpunkt.verlag. Im Jahr 2018 folgte das Buch „Improving Agile Retrospectives“ bei Addison Wesley. Im Februar 2022 folgte dann das Buch "Die Scrum Master Journey" beim BusinessVillage Verlag.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

{"email":"Email address invalid","url":"Website address invalid","required":"Required field missing"}

Hol Dir die kostenlose Anleitung für
Deine persönliche
 Retrospektive