Viele Retrospektiven sind nutzlos – und das ist ein echtes Problem
Seien wir ehrlich: Wenn eure Retrospektive morgen ausfallen würde – würde dein Team enttäuscht sein oder heimlich den Sekt kaltstellen?
Für viele Teams ist die Retro längst ein Pflichttermin ohne Wirkung. Dabei ist sie eigentlich der wichtigste Termin im agilen Arbeiten. Der eine feste Zeitpunkt, an dem Lernen, Verbesserung und echte Veränderung stattfinden sollen.
Genau das passiert in der Praxis jedoch viel zu selten.
Warum so viele Retrospektiven ins Leere laufen
Das Problem ist nicht das Format. Das Problem ist die Wirkungslosigkeit.
Schon vor über zehn Jahren – bei der ersten Ausgabe meines Retrospektiven-Buchs – war klar: Viele Retros enden ohne echte Ergebnisse. Das hat sich bis heute kaum geändert. In vielen Teams herrscht Retro-Müdigkeit. Die gleichen Themen kommen immer wieder. Nichts ändert sich spürbar. Maßnahmen versanden.
Das Ergebnis:
- geringe Motivation
- Zynismus im Team
- „Schon wieder Retro“-Gefühl
- keine nachhaltige Verbesserung
Keine Lust mehr auf ergebnislose Retrospektiven?
Retrospektiven helfen Teams, aus Erfahrungen zu lernen, die Zusammen- arbeit zu verbessern und Veränderungen wirksam umzusetzen.
Richtig gestaltet, werden sie zum Motor kontinuierlicher Verbesserung – am Standort und remote. Dieses Buch zeigt Dir praxisnah, wie Retrospektiven gelingen und wie Sie nachhaltige Impulse für Team- und Organisationsentwicklung setzen.

Was gute Retros wirklich ausmacht
Ich habe es erst kürzlich wieder erlebt: Ein angehender Scrum Master, den ich zunächst nur beobachtet habe. Dann habe ich selbst eine Retro moderiert. Danach haben wir gemeinsam vorbereitet – und er hat die nächste Retro allein moderiert.
Der Unterschied war enorm.
Warum? Weil wir konkrete, umsetzbare Maßnahmen definiert haben:
- klein genug
- klar terminiert
- mit Verantwortlichen
- überprüfbar im nächsten Sprint
Am Ende sind alle mit dem Gefühl rausgegangen: „Die 90 Minuten haben sich gelohnt.“
Und genau das ist der Maßstab.
Der größte Fehler: unscharfe Maßnahmen
„Wir sollten mal …“
- Git einführen
- unsere Definition of Done überarbeiten
- besser kommunizieren
Das sind keine Maßnahmen. Das sind Absichtserklärungen.
Wenn Maßnahmen nicht SMART sind, werden sie nicht umgesetzt. Deshalb empfehle ich jedem Moderator, das SMART-Akronym sichtbar aufzuhängen – im Raum oder auf dem virtuellen Board. Es ist banal, aber extrem wirksam.
Zombie-Retros und Maßnahmen-Friedhöfe
Viele Retros sind sogenannte Zombie-Retros:
- bekannte Probleme
- bekannte Diskussionen
- keine echten Entscheidungen
- keine nachhaltigen Effekte
Besonders schlimm wird es beim Maßnahmen-Friedhof: Maßnahmen werden auf Flipcharts geschrieben, in Confluence dokumentiert – und danach ignoriert. Kaum jemand schaut sie je wieder an.
Dokumentation erzeugt keinen Effekt. Umsetzung schon.
Sinnvoller als Retro-Protokolle sind:
- ein gemeinsames Maßnahmen-Board
- ein Kanban-Board für Verbesserungen
- sichtbarer Fortschritt statt Textwüsten
Retros im hybriden und Remote-Setting
Seit 2014 hat sich die Arbeitswelt massiv verändert. Remote und Hybrid sind Normalität. Viele Retro-Ansätze von früher funktionieren heute nicht mehr.
Ein zentraler Grundsatz:
Entweder alle remote – oder alle vor Ort.
Hybride Mischformen („einer per Teams zugeschaltet“) erzeugen Ineffizienz und Ausgrenzung. Die zugeschaltete Person ist fast immer im Nachteil.
Diese und viele weitere Aspekte habe ich in der neuen Auflage meines Buchs komplett überarbeitet.
Ohne psychologische Sicherheit keine gute Retro
Ein weiteres Kernproblem: fehlende psychologische Sicherheit.
Wenn Menschen sich nicht trauen,
- unangenehme Wahrheiten auszusprechen
- Konflikte anzusprechen
- Fehler offen zu benennen
dann bleibt jede Retro oberflächlich.
Psychologische Sicherheit ist kein Kuschelkurs. Sie ist die Voraussetzung für echte Veränderung. Ohne sie gibt es Wohlfühltheater – aber keine Entwicklung.
Schluss mit Symptombekämpfung: Arbeiten mit Hypothesen
Ein häufiger Fehler: Maßnahmen werden beschlossen, ohne zu klären, welches Problem sie eigentlich lösen sollen.
Jede Maßnahme braucht eine Hypothese:
„Wenn wir X tun, erwarten wir Y.“
In der nächsten Retro prüfen wir nicht nur, ob etwas umgesetzt wurde, sondern ob es den gewünschten Effekt hatte.
Das verhindert Retro-Müdigkeit und schafft echten Lernfortschritt.
Bitte hört auf mit „Grüne-Wiese-Retros“
Jede Retro muss auf der vorherigen aufbauen. Immer wieder bei null anzufangen, ist Gift für Motivation und Fortschritt.
Stattdessen:
- Was haben wir uns vorgenommen?
- Was wurde umgesetzt?
- Was hat gewirkt?
- Was nicht – und warum?
So entsteht das Gefühl: Wir kommen voran.
Ein konkreter Tipp: die Arbeitsretrospektive
Wenn ihr wirklich wollt, dass Dinge umgesetzt werden, probiert eine Arbeitsretrospektive:
- Kurze Pitches zu konkreten Verbesserungsthemen
- Das Team entscheidet sich für Themen
- Die Retro-Zeit wird genutzt, um direkt daran zu arbeiten
Nicht nur reden. Machen. Oft reicht das schon, um einen echten Veränderungsprozess anzustoßen.
Der Retro-Bullshit-Check
Eine Retrospektive ist sehr wahrscheinlich wirkungslos, wenn:
- Ergebnisloses Blabla
Viel Diskussion, keine Entscheidungen, keine klaren Ergebnisse. - Maßnahmen-Friedhof
Maßnahmen werden beschlossen, aber nie umgesetzt. - Symptomkosmetik
Ursachenforschung wird übersprungen, es bleibt bei oberflächlichen Fixes. - Zombie-Modus
Das Team fragt offen, ob man die Retro nicht einfach ausfallen lassen kann. - Wohlfühltheater
Kritische Themen werden vermieden, um Konflikte nicht anzusprechen.
Trifft davon viel zu? Dann habt ihr Arbeit vor euch – aber auch enormes Potenzial.
Retros können einen riesigen Impact haben
Ich bin nach wie vor überzeugt: Gut gemachte Retrospektiven sind einer der stärksten Hebel für echte Veränderung.
Sie sind der zentrale Feedback-Loop im agilen Arbeiten. Wenn dieser Loop nicht funktioniert, kann Agilität nicht wirken.
Wenn du willst, dass Retros in deinem Team endlich Sinn machen, dann:
- investiere in gute Vorbereitung
- fokussiere auf Umsetzung
- arbeite an psychologischer Sicherheit
Oder hol dir Unterstützung – durch Shadowing, gemeinsame Vorbereitung oder einfach mal eine gut moderierte Retro als Vorbild.
Retros funktionieren. Aber nur, wenn man sie ernst nimmt.



