Februar 24, 2026

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Viele Retrospektiven sind nutzlos – und das ist ein echtes Problem

Seien wir ehrlich: Wenn eure Retrospektive morgen ausfallen würde – würde dein Team enttäuscht sein oder heimlich den Sekt kaltstellen?
Für viele Teams ist die Retro längst ein Pflichttermin ohne Wirkung. Dabei ist sie eigentlich der wichtigste Termin im agilen Arbeiten. Der eine feste Zeitpunkt, an dem Lernen, Verbesserung und echte Veränderung stattfinden sollen.

Genau das passiert in der Praxis jedoch viel zu selten.

Warum so viele Retrospektiven ins Leere laufen

Das Problem ist nicht das Format. Das Problem ist die Wirkungslosigkeit.

Schon vor über zehn Jahren – bei der ersten Ausgabe meines Retrospektiven-Buchs – war klar: Viele Retros enden ohne echte Ergebnisse. Das hat sich bis heute kaum geändert. In vielen Teams herrscht Retro-Müdigkeit. Die gleichen Themen kommen immer wieder. Nichts ändert sich spürbar. Maßnahmen versanden.

Das Ergebnis:

  • geringe Motivation
  • Zynismus im Team
  • „Schon wieder Retro“-Gefühl
  • keine nachhaltige Verbesserung

Keine Lust mehr auf ergebnislose Retrospektiven?

Retrospektiven helfen Teams, aus Erfahrungen zu lernen, die Zusammen- arbeit zu verbessern und Veränderungen wirksam umzusetzen.

Richtig gestaltet, werden sie zum Motor kontinuierlicher Verbesserung – am Standort und remote. Dieses Buch zeigt Dir praxisnah, wie Retrospektiven gelingen und wie Sie nachhaltige Impulse für Team- und Organisationsentwicklung setzen.

Was gute Retros wirklich ausmacht

Ich habe es erst kürzlich wieder erlebt: Ein angehender Scrum Master, den ich zunächst nur beobachtet habe. Dann habe ich selbst eine Retro moderiert. Danach haben wir gemeinsam vorbereitet – und er hat die nächste Retro allein moderiert.

Der Unterschied war enorm.

Warum? Weil wir konkrete, umsetzbare Maßnahmen definiert haben:

  • klein genug
  • klar terminiert
  • mit Verantwortlichen
  • überprüfbar im nächsten Sprint

Am Ende sind alle mit dem Gefühl rausgegangen: „Die 90 Minuten haben sich gelohnt.“

Und genau das ist der Maßstab.

Der größte Fehler: unscharfe Maßnahmen

„Wir sollten mal …“

  • Git einführen
  • unsere Definition of Done überarbeiten
  • besser kommunizieren

Das sind keine Maßnahmen. Das sind Absichtserklärungen.

Wenn Maßnahmen nicht SMART sind, werden sie nicht umgesetzt. Deshalb empfehle ich jedem Moderator, das SMART-Akronym sichtbar aufzuhängen – im Raum oder auf dem virtuellen Board. Es ist banal, aber extrem wirksam.

Zombie-Retros und Maßnahmen-Friedhöfe

Viele Retros sind sogenannte Zombie-Retros:

  • bekannte Probleme
  • bekannte Diskussionen
  • keine echten Entscheidungen
  • keine nachhaltigen Effekte

Besonders schlimm wird es beim Maßnahmen-Friedhof: Maßnahmen werden auf Flipcharts geschrieben, in Confluence dokumentiert – und danach ignoriert. Kaum jemand schaut sie je wieder an.

Dokumentation erzeugt keinen Effekt. Umsetzung schon.

Sinnvoller als Retro-Protokolle sind:

  • ein gemeinsames Maßnahmen-Board
  • ein Kanban-Board für Verbesserungen
  • sichtbarer Fortschritt statt Textwüsten

Retros im hybriden und Remote-Setting

Seit 2014 hat sich die Arbeitswelt massiv verändert. Remote und Hybrid sind Normalität. Viele Retro-Ansätze von früher funktionieren heute nicht mehr.

Ein zentraler Grundsatz:

Entweder alle remote – oder alle vor Ort.

Hybride Mischformen („einer per Teams zugeschaltet“) erzeugen Ineffizienz und Ausgrenzung. Die zugeschaltete Person ist fast immer im Nachteil.

Diese und viele weitere Aspekte habe ich in der neuen Auflage meines Buchs komplett überarbeitet.

Ohne psychologische Sicherheit keine gute Retro

Ein weiteres Kernproblem: fehlende psychologische Sicherheit.

Wenn Menschen sich nicht trauen,

  • unangenehme Wahrheiten auszusprechen
  • Konflikte anzusprechen
  • Fehler offen zu benennen

dann bleibt jede Retro oberflächlich.

Psychologische Sicherheit ist kein Kuschelkurs. Sie ist die Voraussetzung für echte Veränderung. Ohne sie gibt es Wohlfühltheater – aber keine Entwicklung.

Schluss mit Symptombekämpfung: Arbeiten mit Hypothesen

Ein häufiger Fehler: Maßnahmen werden beschlossen, ohne zu klären, welches Problem sie eigentlich lösen sollen.

Jede Maßnahme braucht eine Hypothese:

„Wenn wir X tun, erwarten wir Y.“

In der nächsten Retro prüfen wir nicht nur, ob etwas umgesetzt wurde, sondern ob es den gewünschten Effekt hatte.
Das verhindert Retro-Müdigkeit und schafft echten Lernfortschritt.

Bitte hört auf mit „Grüne-Wiese-Retros“

Jede Retro muss auf der vorherigen aufbauen. Immer wieder bei null anzufangen, ist Gift für Motivation und Fortschritt.

Stattdessen:

  • Was haben wir uns vorgenommen?
  • Was wurde umgesetzt?
  • Was hat gewirkt?
  • Was nicht – und warum?

So entsteht das Gefühl: Wir kommen voran.

Ein konkreter Tipp: die Arbeitsretrospektive

Wenn ihr wirklich wollt, dass Dinge umgesetzt werden, probiert eine Arbeitsretrospektive:

  • Kurze Pitches zu konkreten Verbesserungsthemen
  • Das Team entscheidet sich für Themen
  • Die Retro-Zeit wird genutzt, um direkt daran zu arbeiten

Nicht nur reden. Machen. Oft reicht das schon, um einen echten Veränderungsprozess anzustoßen.

Der Retro-Bullshit-Check

Eine Retrospektive ist sehr wahrscheinlich wirkungslos, wenn:

  1. Ergebnisloses Blabla
    Viel Diskussion, keine Entscheidungen, keine klaren Ergebnisse.
  2. Maßnahmen-Friedhof
    Maßnahmen werden beschlossen, aber nie umgesetzt.
  3. Symptomkosmetik
    Ursachenforschung wird übersprungen, es bleibt bei oberflächlichen Fixes.
  4. Zombie-Modus
    Das Team fragt offen, ob man die Retro nicht einfach ausfallen lassen kann.
  5. Wohlfühltheater
    Kritische Themen werden vermieden, um Konflikte nicht anzusprechen.

Trifft davon viel zu? Dann habt ihr Arbeit vor euch – aber auch enormes Potenzial.

Retros können einen riesigen Impact haben

Ich bin nach wie vor überzeugt: Gut gemachte Retrospektiven sind einer der stärksten Hebel für echte Veränderung.

Sie sind der zentrale Feedback-Loop im agilen Arbeiten. Wenn dieser Loop nicht funktioniert, kann Agilität nicht wirken.

Wenn du willst, dass Retros in deinem Team endlich Sinn machen, dann:

  • investiere in gute Vorbereitung
  • fokussiere auf Umsetzung
  • arbeite an psychologischer Sicherheit

Oder hol dir Unterstützung – durch Shadowing, gemeinsame Vorbereitung oder einfach mal eine gut moderierte Retro als Vorbild.

Retros funktionieren. Aber nur, wenn man sie ernst nimmt.

About the author 

Marc Löffler

Marc Löffler ist Keynote-Speaker, Autor und Mentor für passionierte Scrum Master. Er befasst sich schon seit 2005 leidenschaftlich mit agilen Methoden, wie z.B. Scrum, Kanban oder eXtreme Programming. Bevor er mit dem Thema Agilität in Berührung gekommen war, hat er als zertifizierter Projektmanager (IPMA) bei Firmen wie Volkswagen, Siemens und EADS erfolgreich multinationale Projekte geleitet. Mit Begeisterung hilft er Unternehmen dabei, agile Werte zu verstehen und genau die Form von Agilität zu finden, die zum jeweiligen Unternehmen passt. Dabei nutzt er sein PASSION Modell, um die jeweilige Situation zu analysieren und sinnvolle nächste Schritte hin zur passionierten, agilen Organisation zu definieren. Er liebt es, neue Einsichten zu generieren, und unterstützt Unternehmen dabei, Probleme aus kreativen, neuen Blickwinkeln zu betrachten. Seit September 2018 ist er zertifizierter Professional Speaker GSA (SHB) mit der besten Keynote seines Jahrgangs. Im Jahr 2014 erschien sein Buch „Retrospektiven in der Praxis“ beim dpunkt.verlag. Im Jahr 2018 folgte das Buch „Improving Agile Retrospectives“ bei Addison Wesley. Im Februar 2022 folgte dann das Buch "Die Scrum Master Journey" beim BusinessVillage Verlag.

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