Hand aufs Herz: Wir haben uns in den letzten zwei Jahrzehnten den Bauch vollgeschlagen. Wir haben Agile Trainings besucht, Zertifikate gesammelt und Methoden-Diskussionen bis zum Exzess geführt.
Aber jetzt, wo die Wirtschaft drückt, merken wir: Wir sind träge geworden.
Es geht Deutschland nicht per se schlecht, aber das Gefühl in den Unternehmen hat sich verändert. Der Druck ist da. Und genau deshalb darf das Ziel für 2026 nicht lauten, noch agiler zu werden – im Sinne von mehr Frameworks und bunten Zetteln. Das Ziel muss sein: Fitteres Agil. Pragmatischeres Agil. Lieferfähiges Agil.
Bevor wir also gute Vorsätze fassen, die wir eh wieder brechen, sollten wir erst einmal Platz schaffen. Hier sind die drei größten Ballast-Brocken, die du jetzt ausmisten musst, wenn du im neuen Jahr relevant bleiben willst.
1. Weg mit "Agilität als Selbstzweck" (Der Methoden-Hammer)
Es gibt diesen schönen Spruch: "Wenn ich einen Hammer habe, sieht alles aus wie ein Nagel." Viele von uns sind Experten für agile Methoden geworden und versuchen nun krampfhaft, diese Methoden 1:1 überall drüberzustülpen. Aber wozu?
Wir müssen aufhören, Agilität als Selbstzweck zu betrachten.Die entscheidende Frage für 2026 lautet nicht mehr: "Ist das Scrum-konform?" Sie lautet: "Hilft das dem Kunden?"
Schau dir deine Meetings an. Hilft uns das Daily in diesem Format wirklich, oder nervt es nur? Bringt das Review etwas, wenn gar kein Kunde dabei ist? Wenn die Antwort "Nein" ist: Ändere es. Sei pragmatisch. Löse dich vom Dogma.
2. Weg mit der "Harmoniefalle" (Kuscheln ist keine Strategie)
Dieser Punkt hat in der agilen Szene leider überhandgenommen: Das Missverständnis, dass "Psychologische Sicherheit" bedeutet, dass wir uns alle lieb haben, Kicker spielen und Bäume umarmen.
Lass uns diesen Zahn ziehen: Psychologische Sicherheit heißt nicht Kuscheln.Es heißt, dass du jederzeit offen ansprechen kannst, wenn etwas nicht passt – ohne Angst vor Konsequenzen.
Wir brauchen keine künstliche Harmonie. Wir brauchen professionelle Reibung. Denn Reibung erzeugt Hitze, und Hitze erzeugt Innovation. Wir ruhen uns in Deutschland zu oft darauf aus, die "Kuh zu melken, bis sie tot umfällt", nur weil es gestern noch funktioniert hat. Trau dich wieder, "Nein" zu sagen und den Konflikt zu suchen, wenn es der Sache dient.
3. Weg mit dem Perfektionismus (Done > Perfect)
Das ist ein typisch deutsches Problem: Wir warten, bis es perfekt ist. Natürlich höre ich jetzt die Einwände: "Aber Marc, wir bauen Medizintechnik / Flugzeuge!" Richtig. Da darf niemand sterben. Aber oft sind es gar nicht die Gesetze, die uns bremsen, sondern die internen Prozesse, die wir viel größer aufgeblasen haben, als es die Norm eigentlich verlangt.
In den meisten anderen Bereichen gilt: Wir können es uns nicht mehr leisten, ewig zu polieren. Done is better than perfect. Es ist besser, eine 80%-Lösung morgen live zu haben und Feedback zu sammeln, als eine 100%-Lösung in drei Monaten zu liefern, die niemand mehr braucht.
Mein Fazit für 2026: Nimm das Heft in die Hand
Wenn wir diesen Ballast abwerfen – die Methoden-Hörigkeit, die Harmonie-Sucht und den Perfektionswahn – dann wird 2026 kein Krisenjahr, sondern ein Jahr, in dem wir wieder echten Wert liefern.
Ich bin Optimist. Ich glaube fest daran, dass wir noch lange nicht am Ende sind. Aber wir dürfen nicht auf die Politik warten. Wir müssen aktiv werden. Als Scrum Master, Agile Coach oder Leader ist es genau jetzt deine Aufgabe, an den kleinen Stellschrauben zu drehen und Verantwortung zu übernehmen.
Lass uns das Jahr 2026 zu dem Jahr machen, in dem wir wieder liefern.
Ich wünsche dir einen guten Rutsch und einen Start mit leichtem Gepäck!
Dein Marc



