„Scrum funktioniert nur, wenn alle 100 % dediziert dabei sind.“ Diesen Satz hast du sicher schon gehört. Und vielleicht hast du ihn sogar selbst schon gedacht.
Die Realität in unseren Unternehmen sieht aber oft anders aus: Elternzeit, Pflege von Angehörigen oder einfach der Wunsch nach einer 4-Tage-Woche. Teilzeitmodelle sind gekommen, um zu bleiben – und das ist auch gut so. Aber es stellt uns vor eine Herausforderung, besonders in Frameworks wie Scrum, die extrem auf Synchronisation und gemeinsamen Fokus setzen.
Die häufigste Frage, die mich dazu erreicht (danke an Micha für den Impuls!), lautet:
Wie gehen wir damit um, wenn Teammitglieder ausgerechnet bei den wichtigen Sprintwechsel-Terminen (Review, Retro, Planning) nicht da sind?
Die kurze Antwort: Anwesenheit ist verhandelbar. Engagement nicht. Hier sind meine Strategien, wie du Teilzeitkräfte (50–80 %) voll integrierst, ohne dass das Team ausgebremst wird.
1. Asynchronität ist dein bester Freund
Wenn der Kalender „Nein“ sagt, müssen wir kreativ werden. Wir neigen dazu, Meetings immer als synchrone Events zu sehen, bei denen alle zur gleichen Zeit im gleichen Raum (oder Zoom-Call) sein müssen. Aber müssen sie das wirklich immer?
Wenn dein Teilzeit-Entwickler „Tom“ beim Sprint Review am Montagnachmittag schon im Feierabend ist, gibt es bessere Lösungen, als das Meeting zu verschieben:
Das Video-Update: Tom zeichnet eine kurze Demo seines Features auf (z. B. mit Loom, QuickTime oder in MS Teams). Im Review spielt das Team das Video ab. So ist Tom virtuell anwesend und sein Arbeitsergebnis wird gefeiert.
Die Pre-Work-Retro: Eine Retrospektive lebt vom Austausch, keine Frage. Aber wenn Tom nicht dabei sein kann, öffne das Online-Board (Mural, Miro etc.) schon 24 Stunden vorher. Tom trägt seine Punkte asynchron ein. Im Meeting übernimmt ein Kollege die Rolle, diese Punkte vorzulesen und Toms Perspektive zu vertreten.
2. Das Buddy-System und Re-Briefing
Nichts ist schlimmer, als wenn ein Teammitglied zurückkommt und sich erst einmal drei Stunden durch E-Mails wühlen muss, um zu verstehen, was los ist.
Führe ein Buddy-System ein. Ein rotierender Partner im Team ist dafür verantwortlich, den abwesenden Kollegen beim Wiedereinstieg abzuholen. Plant dafür einen festen Slot ein – nennen wir es „Re-Briefing“. Wenn Tom am Dienstagmorgen zurückkommt, nimmt sich sein Buddy 15 Minuten Zeit:
Was ist das neue Sprintziel?
Welche Tasks haben wir für dich vorgesehen?
Welche kritischen Entscheidungen wurden getroffen?
Das ist effizient und stärkt den Teamzusammenhalt.
3. Dokumentation schlägt Flurfunk
In reinen Präsenzteams verlässt man sich oft auf das gesprochene Wort: „Das haben wir doch gestern beim Kaffee besprochen.“ Sobald du Teilzeitkräfte (oder Remote-Mitarbeiter) im Team hast, wird dieses Verhalten zur Falle.
Orientiere dich an der Philosophie von GitLab: „If it’s not written down, it didn’t happen.“ Entscheidungen gehören ins Ticket, ins Wiki oder in den Chat-Channel – nicht in die Luft. Das stellt sicher, dass Tom alle Infos hat, egal wann er arbeitet. Das vermeidet Wissensinseln und macht das gesamte Team robuster.
4. Der Deal: Erwartungen an die Teilzeitkraft
Integration ist keine Einbahnstraße. Als Scrum Master oder Team darfst du (und musst du) auch klare Erwartungen an die Teilzeitkollegen stellen. Wer weniger Zeit hat, muss die verbleibende Zeit effektiver nutzen.
Das erwarte ich von einer Teilzeitkraft im agilen Team:
Proaktivität (Holschuld): Warte nicht, bis dir jemand sagt, was passiert ist. Schau dir die Aufzeichnung vom Planning an, lies das Board, frag deinen Buddy.
Transparenz: Mach deine Verfügbarkeit glasklar. Wie viele Netto-Arbeitsstunden hast du nächste Woche? Wann bist du erreichbar? Das Team muss damit planen können.
Saubere Übergaben: Kein Code bleibt auf dem lokalen Rechner, wenn du ins lange Wochenende gehst. Checke alles ein, dokumentiere den Stand. Wir wollen keine Bottlenecks, nur weil jemand freitags nicht da ist.
Fazit: Mindset vor Kalender
Es ist verlockend, Teilzeitkräfte in Scrum als „Problem“ zu sehen. Aber oft decken sie nur schonungslos auf, wo unsere Prozesse noch nicht sauber sind (z. B. mangelnde Dokumentation oder schlechte Übergaben).
Wenn ihr Transparenz schafft, asynchrone Tools nutzt und eine Kultur der Dokumentation pflegt, ist Teilzeit im Scrum Team absolut machbar. Das Ziel ist nicht, dass jeder immer da ist – sondern dass das Sprintziel nicht gefährdet wird, egal wer gerade am Schreibtisch sitzt.



