Muss ich jetzt meinen Job kündigen?
Diese Frage geisterte in den letzten Monaten durch meinen Kopf – und wahrscheinlich auch durch deinen. Überall liest du es: Agilität ist tot.
In der letzten Folge von Agile Unfiltered habe ich genau dieses Fass aufgemacht. Mein Gast, Prof. Dr. Philipp Diebold, und ich haben die Debatte seziert: Ist die agile Transformation wirklich am Ende, oder reden wir uns hier gerade selbst in die Krise?
Hier ist meine knallharte Antwort und warum ich glaube, dass wir uns auf die Basics besinnen müssen.
Der Mythos vom sterbenden Agilisten
Fangen wir mit dem Elefanten im Raum an: Die Agilität ist nicht tot.
Was wir erleben, ist keine Krise der Werte des Agilen Manifests, sondern eine Marktkorrektur im Beratungssegment.
Ich habe es dieses Jahr selbst erlebt: Es ist schwieriger geworden, als Freelance Coach Projekte zu finden. Viele Firmen kürzen externe Kosten. Das hat aber nur am Rande mit Agilität zu tun. Es ist eine Krise des gesamten Beratungsgeschäfts aufgrund der aktuellen Wirtschaftslage.
Und ja, diese Krise wird durch uns selbst verstärkt – die agile Community redet sich das Problem groß und die Self-Fulfilling Prophecy nimmt ihren Lauf.
Das Kernproblem: Wir verwechseln das Rezept mit dem Koch
Philipp und ich waren uns schnell einig: Wir müssen klar trennen zwischen:
- Der agilen Haltung (Mindset): Die Fähigkeit, auf Veränderungen zu reagieren, ständig zu lernen und sich anzupassen.
- Dem agilen Tooling (Scrum, Kanban etc.): Die Methoden und Frameworks.
Meine These ist einfach: Agilität ist für mich ein kurzer Feedback-Zyklus. Wenn du dich als Team oder Unternehmen ständig und bewusst anpasst, bist du agil.
Der Fehler, den ich seit 20 Jahren in Transformationen sehe, ist dieser:
Wir sehen ein erfolgreiches Team, kopieren ihre Meetings, ihre Boards und ihre Rollen – und wundern uns, warum wir nicht dieselben genialen Ergebnisse erzielen.
Du kopierst das Rezept (Scrum), nicht aber den Koch (die Menschen), die Regeln brechen, Hierarchien umgehen und einfach dafür sorgen, dass der Output stimmt. Prozesse kopieren ist einfach. Menschen zu klonen, eben nicht.
Die Wahrheit über Scrum Master (und warum sie gehen mussten)
Wenn du aktuell liest, dass Scrum Master entlassen werden, dann liegt das oft nicht daran, dass die Rolle nutzlos ist. Es liegt daran, dass der Mehrwert (Impact) der Rolle nicht sichtbar gemacht wurde.
In Krisenzeiten fragt der CFO: "Was macht dieser Mensch, der 70.000 € kostet, eigentlich den ganzen Tag?"
Wenn du als Scrum Master dein Outcome und deinen Impact nicht belegen kannst, dann bist du austauschbar. Und dann hast du es dem Management zu einfach gemacht, dich zu streichen.
Der Lackmustest: KI und Digitalisierung
Die aktuelle KI-Welle ist der perfekte Lackmustest für deine Agilität.
Viele wollen jetzt sofort KI einführen (Shiny Object Syndrom). Aber sie vergessen den allerersten Schritt: Welches Problem wollen wir lösen?
Wie Philipp richtig angemerkt hat: "Shit in, Shit out." Wenn du in deiner Firma nicht mal die Basics der Digitalisierung im Griff hast, auf welcher Datenbasis willst du dann KI anwenden?
Du brauchst nicht noch ein Tool. Du brauchst eine Lernkultur, die es dir erlaubt:
- Ein Problem klar zu definieren.
- Schnell zu experimentieren (iterativ).
- Fehler zuzulassen und daraus zu lernen.
Das ist Agilität.
Was kommt nach der "toten Agilität"?
Die gute Nachricht: Es kommt nichts Neues.
Es geht zurück zu den Basics. Wenn du als Unternehmen resilient bleiben willst, musst du in der Lage sein, dich schnell zu verändern und anzupassen. Die Tools dafür (Scrum, Kanban, etc.) müssen an die jeweilige komplexe Umgebung angepasst werden – nicht umgekehrt.
Die Agilität ist nicht tot. Nur dein unreflektierter Umgang damit ist es vielleicht.
Was denkst du? Reden wir uns die Krise selbst herbei, oder ist die Zeit der klassischen agilen Transformation vorbei? Schreib es mir in die Kommentare!



