Vor Kurzem hatte ich die Ehre, Tim Klein von den Produktwerkern in meinem Podcast "Die Agile Transformation Toolbox" zu begrüßen. Wir haben uns intensiv über die Priorisierung von Product Backlogs und den oft missverstandenen Begriff des Business Values ausgetauscht. Unser Gespräch hat mir einmal mehr gezeigt: Ohne den richtigen Kontext ist jede Priorisierung ein Blindflug.
Vom "Feature Broker" zum strategischen Partner
Viele von uns kennen das Dilemma: Das Product Backlog quillt über mit Wünschen von Stakeholdern. Jede Idee scheint gleich wichtig, jeder schreit am lautesten. Am Ende landet man in der Rolle des "Feature Brokers", wie Tim es nannte – man verwaltet Anfragen, statt das Produkt aktiv zu gestalten.
Diese ständige Verwaltung, das Hin- und Herschubsen von Tickets, ist nicht nur ineffizient, sondern auch unglaublich frustrierend. Es fehlt der rote Faden, die klare Richtung. Wie ein Flipperball werden wir von äußeren Kräften herumgeschleudert, ohne wirklich voranzukommen. Und die Frage nach dem Business Value wird zur rein subjektiven Mutmaßung.
Tim hat dazu eine klare Meinung: Ein aussagekräftiger Business Value kann nur definiert werden, wenn man den Kontext kennt. Und dieser beginnt weit vor dem Backlog.
Die Kaskade des Erfolgs: Von der Vision zum Sprint-Ziel
Der erste und wichtigste Schritt weg vom reinen Verwalten ist die Schaffung einer klaren Ausrichtung.
1. Produktvision und -strategie: Bevor wir über einzelne Aufgaben sprechen, müssen wir wissen, wohin die Reise gehen soll. Was ist das übergeordnete Ziel unseres Produkts? Welche Strategie verfolgen wir, um dorthin zu gelangen?
2. Product Goals: Aus der Strategie lassen sich konkrete Etappenziele ableiten. Diese "Wirkungsschritte" definieren, was wir in einem bestimmten Zeitraum erreichen wollen.
3. Sprint-Ziele (Sprint Goals): Der Schlüssel zur erfolgreichen Priorisierung liegt im Sprint-Ziel. Statt das Sprint Backlog mit einer bunten Tüte aus Einzelaufgaben zu füllen, sollten wir uns fragen: Welches Problem lösen wir in diesem Sprint? Was soll am Ende besser sein als vorher? Dieses Ziel gibt dem Team Orientierung und einen klaren Fokus.
Vom Steakhouse zum Sprint-Ziel: Einprägsame Analogien
Tim brachte eine wunderbare Analogie ins Spiel, um die Bedeutung eines guten Sprint-Ziels zu verdeutlichen: das Produktmenü.
Stellen Sie sich vor, der Sprint ist ein Abend im Steakhouse. Das Sprint-Ziel ist das Hauptgericht – das perfekt gegrillte Steak. Wenn das Steak perfekt ist, aber die Pommes kalt, war der Abend trotzdem ein Erfolg. War das Steak sehnig, aber die Pommes waren gut, ist das Erlebnis gescheitert.
Dieses Bild zeigt, wie wichtig es ist, das eine "Big Thing" im Sprint zu definieren. Es ermöglicht dem Team, bei Entscheidungen Prioritäten zu setzen, nach dem Motto: „Bringt uns das näher zum Ziel?“ Diese klare Ausrichtung macht nicht nur die Priorisierung einfacher, sondern auch das tägliche Arbeiten, beispielsweise im Daily Scrum.
Praktische Tipps für den Start
Wenn Sie am Anfang stehen und diese Kaskade noch nicht aufgebaut ist, empfiehlt Tim, mit einem leichteren, aber wirkungsvollen Tool zu beginnen: Produktprinzipien (Product Principles).
Diese Prinzipien sind eine Art Entscheidungsrahmen, der in Form von "Even Over"-Statements formuliert wird. Sie helfen dem Team, in Zweifelsfällen die richtigen Entscheidungen zu treffen. Beispielsweise: "Datenschutz über Performance" oder "Nutzer über Anbieter". Indem man diese Prinzipien gemeinsam mit Stakeholdern erarbeitet, schafft man ein gemeinsames Verständnis für die Prioritäten des Produkts, ohne sofort eine komplette Produktstrategie zu erarbeiten.
Fazit
Unser Gespräch hat wieder einmal gezeigt, dass die Priorisierung eines Backlogs keine isolierte Aufgabe ist. Sie ist das logische Ergebnis einer klaren Vision, einer durchdachten Strategie und eines fokussierten Sprint-Ziels. Je besser der Kontext definiert ist, desto leichter wird es, den wahren Wert der einzelnen Backlog-Items zu erkennen.
Es ist Zeit, die Rolle des "Feature Brokers" hinter sich zu lassen und zum strategischen Gestalter zu werden. Und wenn wir mal wieder nicht weiterwissen, denken wir einfach an das Steakhouse.
Was ist Dein persönlicher "Nordstern" bei der Priorisierung? Teile Deine Erfahrungen in den Kommentaren!



