Warum Kanban auch keine Lösung ist

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In der Vergangenheit durfte ich schon des Öfteren beobachten, wie Scrum Teams auf (Software) Kanban gewechselt haben. Die Gründe dafür waren vielfältig, aber nur selten die „Richtigen“. Hier eine kleine Auswahl:

  • „Die ganzen Scrum Meetings kosten zu viel Zeit“
  • „Irgendwie klappt das mit Scrum nicht so richtig, lasst uns Kanban versuchen“
  • „Cool, bei Kanban brauchen wir nur ein Board mit ToDo, Doing, Done und schon kann es los gehen“
  • „Die ständigen Retrospektiven nerven, ich mag unseren Prozess so wie er ist“
  • „Wir kriegen es nicht hin, nach jedem Sprint lauffähige Software zu schreiben. Bei Kanban gibt es diese Regel nicht…“
  • „Dauernd müssen wir neu planen, das gibt es bei Kanban nicht“
  • usw…

In keinem der oben genannten Fälle, ist man bei Kanban besser aufgehoben, zumindest wenn man es ernsthaft betreiben möchte. Wenn ein Team aus einem dieser Gründe zu Kanban wechseln möchte, so machen Sie im Endeffekt nichts anderes, als vor ihren Problemen zu flüchten. Viele der Prinzipien, auf denen Scrum und Kanban beruhen sind ähnlich, deshalb werden am Ende auch die Probleme bestehen bleiben.

Beide Methoden beruhen z.B. auf dem Prinzip der bösen Schwiegermutter: Sie halten einem ständig den Spiegel vor Augen, um auf die eigenen Unzulänglichkeiten zu verweisen. Die Probleme werden dadurch aber nicht gelöst, sondern lediglich sichtbar gemacht. Für die Problemlösung selbst ist das Team verantwortlich, egal bei welcher Methode. Es ergibt keinen Sinn in eine andere Methode zu flüchten, nur weil man seine Angelegenheiten nicht in den Griff bekommt.

Beide Methoden haben einen starken Fokus darauf, möglichst schnell und möglichst häufig releasefähige Software-Inkremente auszuliefern. Bei Kanban sogar noch mehr, als bei Scrum, da man durch das Fehlen von Iterationen theoretisch ständig neue Updates liefern kann und zumindest formal nicht auf einen Reviewprozess angewiesen ist (den es trotzdem meist gibt). Und genau hier haben viele Softwareteams die größten Probleme.

Beide Methoden verlangen den ständigen Fokus auf einen kontinuierlichen Verbesserungsprozess. Hier wird vor allem bei Kanban häufig der Fehler gemacht, dass man ein einfaches Board „an die Wand wirft“, welches in keinster Weise den aktuellen Prozess darstellt und wenn der tatsächliche Prozess dargestellt wird, wird dieser nur selten angepasst, obwohl das eines der Kernelemente von Kanban ist.

Der Wechsel zu Kanban kann durchaus sinnvoll sein, wenn man sich dabei bewusst ist, dass man sich selbst immer mitnimmt und sich auch bei Kanban die Probleme nicht von selbst lösen. Dann steht einem erfolgreichem Wechsel nichts mehr im Weg.

Welche Erfahrungen habt ihr beim Wechsel zu Kanban gemacht?

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  • Ich selber hatte einige Probleme damit, wenn wir entschieden hatten zu Kanban zu wechseln. Es wurde schnell klar, dass unser Management erwartete, dass alle unsere Probleme dadurch gelöst werden würden – aber es ist nur der Beginn eines neuen Weges. Ich habe nun schon mehrmals gesehen, dass Teams glauben, dass ein neues Tool oder eine neue Methode „die Lösung“ ist. Dabei ist dies aber ein Prozess – wie bei jeder größeren Veränderung. Ich glaube wirklich, dass Kanban funktionieren kann (Es funktioniert jetzt für uns, nach 6 Monaten der kleinen Verbesserungen), aber es dauert. Ich habe letzten einen Bericht gelesen, der genau dies behandelte: „Why isn’t my kanban working“ und dieser erzählte genau dieselbe Geschichte. Menschen brauchen Zeit und Platz um sich neuen Prozessen anzupassen – und man darf nie vergessen, dass es keine feste Lösung gibt. Wir benutzen das Online Kanban Tool und sind nun mehr als Glücklich mit diesem. Mein Ratschlag – einfach nicht zu schnell aufgeben. Kanban ist ein langsamer, sich entwickelnder Prozess.

    • Vielen Dank für diesen Kommentar, den ich so nur unterstreichen kann. Es gibt KEINEN Prozess, der ein Team oder gar eine Firma innerhalb weniger Wochen zu einem „High Performer“ Team macht, wenn es vorher nicht geklappt hat. Selbstverständlich ist Kanban ein sehr schöner Weg dorthin, aber eben nur, wenn man sich seinen Problemen stellt und einen lebendigen Veränderungsprozess startet.